Reifenrecycling: Was passiert mit alten Autoreifen?

Ein Autoreifen wird zum Altreifen, wenn sich sein Besitzer seiner entledigt, entledigen will oder entledigen muss. Damit gilt er als Abfall im Sinne des Kreislaufwirtschaftsgesetzes. Kann ein gebrauchter Reifen dagegen noch als Reifen weiterverwendet oder fachgerecht runderneuert werden, muss er nicht zwangsläufig zerkleinert und verwertet werden.

Nach der Demontage am Fahrzeug folgen Sammlung und Sortierung. Anschließend kommen je nach Zustand des Reifens unterschiedliche Verwertungswege infrage. In den Haus- oder Sperrmüll gehören Altreifen nicht. Für ihre Entsorgung und das Recycling gelten in Deutschland die Abfallhierarchie und spezielle Entsorgungsregeln.

Wann ein Reifen zum Altreifen wird

Nicht jeder abgenommene Reifen ist automatisch Abfall. Ein Gebrauchtreifen kann bei ausreichendem Profil, einwandfreiem Zustand und zulässiger Kennzeichnung weitergefahren oder weiterverkauft werden. Zum Altreifen wird er, wenn er nicht mehr bestimmungsgemäß als Reifen genutzt werden soll oder darf – beispielsweise wegen zu geringer Profiltiefe, Beschädigungen oder Alterung oder weil er beim Reifenwechsel als Abfall übergeben wird.

Nach § 3 Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG) entsteht Abfall mit der Entledigung. Wiederverwendbare Gebrauchtreifen und runderneuerte Reifen, bei denen die Abfalleigenschaft nach § 5 KrWG beendet ist, sind dagegen kein Abfall mehr.

Wo Verbraucher alte Reifen abgeben können

Der übliche Entsorgungsweg führt über die Werkstatt oder den Reifenhändler, bei dem die neuen Reifen montiert werden. Viele Betriebe nehmen die Altreifen an und übergeben sie anschließend an zertifizierte Sammler und Verwerter. Die dafür anfallenden Kosten können bereits im Montagepreis enthalten sein oder gesondert ausgewiesen werden.

Weitere Möglichkeiten sind:

  • kommunale Wertstoffhöfe, sofern Altreifen nach der örtlichen Satzung angenommen werden
  • auf Altreifen spezialisierte Entsorgungsfachbetriebe

Die Annahmebedingungen können sich von Stelle zu Stelle unterscheiden. Manche Einrichtungen akzeptieren beispielsweise nur Reifen ohne Felge, begrenzen die Stückzahl oder verlangen eine Gebühr. Deshalb empfiehlt es sich, vor der Anfahrt bei der kommunalen Abfallberatung nachzufragen. Eine bundesweit einheitliche, kostenfreie Rücknahmepflicht allein für lose Altreifen gibt es nicht in derselben Form wie bei vollständigen Altfahrzeugen.

Dürfen Altreifen in den Haus- oder Sperrmüll?

Nein. Altreifen sind nach der Abfallverzeichnis-Verordnung unter dem Abfallschlüssel 16 01 03 erfasst. Da sie aus einem Verbund von Gummi, Stahl und Textil bestehen, gehören sie weder in die graue Tonne noch in die gelbe Sammlung und in der Regel auch nicht zum Sperrmüll.

Ebenfalls unzulässig sind das Ablagern in der Natur, das Vergraben und das private Verbrennen von Altreifen. Eine illegale Entsorgung kann nach den Bußgeldkatalogen der Länder mit empfindlichen Geldbußen geahndet werden. Wie hoch diese ausfallen, hängt unter anderem vom Bundesland und von der entsorgten Menge ab.

Sammlung und Sortierung

Nach der Abgabe werden die Altreifen erfasst, transportiert und entsprechend ihrer weiteren Verwendung sortiert. Typische Kriterien bei der Sortierung sind:

  • mögliche Weiterverwendung als Gebrauchtreifen
  • Eignung der Karkasse zur Runderneuerung
  • stoffliche Verwertung durch Zerkleinerung
  • energetische Verwertung, etwa in der Zementindustrie
  • Exportwege, soweit diese rechtlich zulässig sind

Altreifen gelten als nicht gefährliche Abfälle. Für private Haushalte besteht deshalb keine Nachweispflicht nach der Nachweisverordnung. Gewerbliche Sammler, Beförderer und Entsorger müssen jedoch die geltenden Anzeige- und Registerpflichten erfüllen.

Eine sortenreine und nachvollziehbare Erfassung schafft die Voraussetzung dafür, dass hochwertige Verwertungswege wie die Runderneuerung oder die Herstellung von Granulat Vorrang vor der Verbrennung erhalten können.

Die Verwertungswege im Überblick

Das KrWG legt in § 6 eine Rangfolge für den Umgang mit Abfällen fest: An erster Stelle steht die Vermeidung, gefolgt von der Vorbereitung zur Wiederverwendung, dem Recycling und der sonstigen Verwertung einschließlich der energetischen Verwertung. Erst danach folgt die Beseitigung. Welche Maßnahme im Einzelfall Vorrang hat, richtet sich nach Umweltwirkung, technischer Machbarkeit und wirtschaftlicher Zumutbarkeit.

Wiederverwendung

Geeignete Reifen können als Gebrauchtreifen weitergenutzt werden. Auf diese Weise bleibt ein möglichst großer Teil der ursprünglichen Produktleistung erhalten. Für Laien ist allerdings oft schwer einzuschätzen, ob ein gebrauchter Reifen tatsächlich noch geeignet ist. Das sichtbare Profil allein reicht für die Beurteilung nicht aus. Der private Weiterverkauf ist nicht verboten, eine fachliche Prüfung jedoch sinnvoll.

Runderneuerung

Bei der Runderneuerung bleibt der tragende Unterbau des Reifens erhalten. Die abgefahrene Lauffläche wird abgetragen und durch neues Profilmaterial ersetzt, das anschließend wieder vulkanisiert wird. Die Karkasse wird sowohl vor als auch nach der Runderneuerung geprüft.

Nicht jeder Reifen eignet sich für dieses Verfahren. Schäden am Unterbau schließen eine Runderneuerung aus. Besonders bei Nutzfahrzeugreifen ist das Verfahren etabliert. Bei Reifen für Personenkraftwagen (PKW) ist es in Deutschland dagegen weniger verbreitet.

Stoffliche bzw. werkstoffliche Verwertung

Bei der mechanischen Aufbereitung werden die Reifen zerkleinert. Häufig werden sie zunächst grob geschreddert und anschließend weiter bis auf Granulat- oder Mehlgröße zerkleinert. Magnete und Sichter trennen dabei Stahl, Textilfasern und Gummi voneinander.

Das gewonnene Gummigranulat oder Gummimehl kann unter anderem für Sport- und Spielplatzbeläge, Bodenplatten und Baustoffanwendungen oder als Zuschlag in neuen Gummiprodukten eingesetzt werden.

Ein Vorteil dieses Verfahrens besteht darin, dass das Material weiterhin als Werkstoff genutzt wird. Dem stehen unter anderem die begrenzte Einsetzbarkeit in neuen Hochleistungsreifen, mögliche Schadstofffragen bei offenen Anwendungen sowie der Energieaufwand für die Zerkleinerung gegenüber.

Chemisches Recycling und Pyrolyse

Bei der Pyrolyse wird zerkleinertes Reifenmaterial unter Ausschluss von Sauerstoff erhitzt. Dabei zerfallen die enthaltenen Polymere thermisch. Typischerweise entstehen:

  • Pyrolyseöl
  • festes Kohlenstoffmaterial, häufig als recovered carbon black bezeichnet
  • Prozessgas
  • Stahlreste

Öl und Kohlenstoff können grundsätzlich dazu genutzt werden, fossile Rohstoffe in der chemischen Industrie und der Reifenindustrie zu ersetzen. Das Verfahren ist technisch möglich und wird in Anlagen erprobt oder bereits betrieben. Ein flächendeckender Standardweg ist die Pyrolyse jedoch nicht. In der deutschen Altreifenstatistik für 2024 wird sie nicht als eigener großer Mengenstrom neben Granulat und Zementwerk ausgewiesen.

Hinzu kommt, dass rechtlich häufig noch ungeklärt ist, wann die bei der Pyrolyse entstehenden Stoffe ihre Abfalleigenschaft verlieren und als Produkte gelten.

Energetische Verwertung

Bei der energetischen Verwertung werden Altreifen als Ersatzbrennstoff eingesetzt, vor allem in Zementwerken. Der organische Anteil der Reifen liefert Energie, während mineralische Bestandteile und Eisen in den Zementklinker eingehen können.

Auf diese Weise lassen sich andere Brennstoffe einsparen. Gleichzeitig wird jedoch die Werkstoffstruktur des Gummis zerstört. In der Abfallhierarchie steht die energetische Verwertung deshalb hinter Wiederverwendung und Recycling.

Mengen in Deutschland 2024

Nach der Altreifenstatistik des Wirtschaftsverbands der deutschen Kautschukindustrie (wdk, Stand Oktober 2025, Bezugsjahr 2024) fielen in Deutschland 469.000 Tonnen Altreifen an. Für die Weiterverwendung und Verwertung wurden insgesamt 533.000 Tonnen bilanziert. In dieser Menge sind unter anderem Importe von Gebrauchtreifen enthalten.

Zu den ausgewiesenen Verwertungs- und Weiterverwendungswegen gehörten:

  • 193.000 t Granulate und Gummimehl
  • 93.000 t energetische Nutzung in der Zementindustrie
  • 20.000 t Karkassen zur Runderneuerung
  • 8.000 t Wiederverwendung im Inland
  • 64.000 t Export zur Wieder- und Weiterverwendung
  • 48.000 t Export von Runderneuerungen
  • 8.000 t Export zur energetischen Verwertung

Gleichzeitig weist die Statistik 100.000 Tonnen mit unklarem Verbleib aus. Der Verband vermutet dahinter unter anderem nicht nachvollziehbare Exporte. Bei den Zahlen handelt es sich um Verbandserhebungen auf Basis von Außenhandel, Branchenmeldungen und weiteren Quellen, nicht um eine amtliche Vollstatistik.

Gesetzliche Regeln in Deutschland

Für Verbraucher und Betriebe sind vor allem folgende Vorgaben relevant:

  • KrWG: Abfallbegriff, Abfallhierarchie und Vorrang der Verwertung vor der Beseitigung
  • AVV 16 01 03: Abfallschlüssel für Altreifen
  • Nachweisverordnung: keine Nachweispflicht für nicht gefährliche Altreifen im Privatbereich; Registerpflichten für Entsorger
  • Gewerbeabfallverordnung: Getrennthaltung in Werkstätten und anderen gewerblichen Stellen
  • kommunale Abfallwirtschaftssatzungen, die Altreifen häufig von der öffentlichen Hausmüllentsorgung ausschließen
  • Abfallverbringungsrecht bei Exporten

Wer Altreifen abgibt, sollte auf einen seriösen Entsorgungsweg achten. Zertifizierte Entsorgungsfachbetriebe sowie die Abgabe beim Reifenwechsel sind dafür in der Praxis die wichtigsten Anlaufstellen.

Häufige Fragen

Kann ich Altreifen einfach auf den Wertstoffhof bringen?

Nur wenn die jeweilige Kommune Altreifen annimmt. Das ist nicht überall der Fall und die Abgabe ist häufig gebührenpflichtig. Die Werkstatt beim Reifenwechsel ist deshalb meist der einfachere Weg.

Sind Altreifen gefährlicher Abfall?

Nach der Abfalleinstufung in Deutschland gelten Altreifen als nicht gefährliche Abfälle. Trotzdem dürfen sie nicht über den Hausmüll entsorgt werden, da sie als Verbundprodukt getrennt verwertet werden müssen.

Wird aus jedem Altreifen ein neuer Autoreifen?

Nein. Ein Teil des gewonnenen Granulats kann in neuen Gummiprodukten oder Reifenbestandteilen eingesetzt werden. Viele Reifen werden runderneuert, werkstofflich zu Granulat verarbeitet oder energetisch genutzt. Ein geschlossener Kreislauf nach dem Prinzip „alter Reifen gleich neuer Reifen“ ist nicht der Regelfall.

Ist Pyrolyse das bessere Recycling?

Durch Pyrolyse können Rohstoffe zurückgewonnen werden. Das Verfahren ist jedoch energieintensiv, noch nicht flächendeckend verbreitet und hinsichtlich der rechtlichen Produkteinstufung teilweise ungeklärt. Ob es im Einzelfall umweltfreundlicher als mechanisches Recycling ist, hängt unter anderem von der jeweiligen Anlage, der verwendeten Energiequelle und der anschließenden Nutzung der gewonnenen Produkte ab.

Darf ich gebrauchte Reifen privat verkaufen?

Ja, sofern die Reifen verkehrssicher und zulässig sind. Der Verkauf macht einen schlechten Reifen allerdings nicht zu einem sicheren Reifen. Zweifelhafte Reifen sollten daher nicht weitergegeben, sondern fachgerecht entsorgt werden.

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