Das EU-Reifenlabel ist ein einheitliches Etikett für viele in der Europäischen Union in Verkehr gebrachte Reifen. Es macht ausgewählte Eigenschaften vergleichbar, bevor ein Reifen gekauft oder an ein neues Fahrzeug montiert wird.
Auf dem Label stehen Bewertungen zu Kraftstoffeffizienz, Nasshaftung und externem Rollgeräusch, bei geeigneten Reifen zusätzlich Hinweise zur Schnee- und Eisgriffigkeit. Ein QR-Code führt in die Produktdatenbank EPREL. Das Label ist eine gesetzliche Orientierungshilfe, kein Gesamttest und kein Nachweis, dass ein Reifen für jedes Fahrzeug und jeden Einsatzzweck der beste ist.
Warum es das Reifenlabel gibt
Grundlage ist die Verordnung (EU) 2020/740. Sie gilt seit dem 1. Mai 2021 und hat die frühere Kennzeichnungsverordnung abgelöst. Ziel ist es, Endnutzern harmonisierte Informationen zu geben, damit sie kraftstoffeffiziente, sichere und möglichst leise Reifen leichter erkennen können.
Nach den Erwägungsgründen der Verordnung entfallen rund 20 bis 30 Prozent des Kraftstoffverbrauchs eines Fahrzeugs vor allem auf den Rollwiderstand der Reifen. Gleichzeitig stehen Rollwiderstand, Nasshaftung und Geräusch in einem Zielkonflikt: Eine Verbesserung bei einem Merkmal kann andere Merkmale verschlechtern. Das Label soll diese drei Größen getrennt sichtbar machen.
Kraftstoffeffizienz und Rollwiderstand
Der Rollwiderstand ist der Energieverlust, der entsteht, wenn sich der Reifen beim Abrollen verformt. Ein niedrigerer Rollwiderstand bedeutet, dass weniger Energie nötig ist, um das Fahrzeug in Bewegung zu halten. Auf dem Label erscheint das als Kraftstoffeffizienzklasse von A bis E. A ist die beste, E die schwächste Klasse.
Gemessen wird der Rollwiderstandskoeffizient (CR) in Newton pro Kilonewton nach der UNECE-Regelung Nr. 117. Für Reifen von Personenkraftwagen (PKW) der Klasse C1 gelten unter anderem diese Schwellen:
| Klasse | Rollwiderstandskoeffizient (C1) |
|---|---|
| A | CR ≤ 6,5 N/kN |
| B | 6,6 bis 7,7 N/kN |
| C | 7,8 bis 9,0 N/kN |
| D | 9,1 bis 10,5 N/kN |
| E | CR ≥ 10,6 N/kN |
Für leichte und schwere Nutzfahrzeugreifen (Klassen C2 und C3) gelten andere Zahlengrenzen. Ein Sprung um eine Klasse bedeutet im Labor eine messbare Änderung des Rollwiderstands. Im Alltag hängt der Verbrauch zusätzlich von Fahrzeug, Beladung, Luftdruck, Geschwindigkeit, Fahrweise und Witterung ab. Deshalb lässt sich aus dem Label kein fester Literwert für jedes Auto ableiten. Deutlich wird aber die Richtung: Klasse A rollt leichter als Klasse E.
Nasshaftung
Die Nasshaftung beschreibt, wie gut ein Reifen auf nasser Fahrbahn Kräfte übertragen kann. Auf dem Label steht ebenfalls eine Klasse von A bis E. Grundlage ist ein Nasshaftungskennwert (G) aus einer genormten Prüfung, typischerweise einem Vergleich des Nassbremsverhaltens mit einem Referenzreifen.
Klasse A bedeutet in dieser Prüfung die bessere Nasshaftung, Klasse E die schwächere. Für PKW-Reifen (C1) beginnt Klasse A bei einem Kennwert von mindestens 1,55, Klasse E liegt bei höchstens 1,09. Die Prüfung bildet eine definierte Laborsituation ab, nicht jedes Regenereignis auf jeder Straße.
Praktisch kann der Klassenunterschied den Bremsweg bei Nässe spürbar verändern. Wie viele Meter das an einem konkreten Fahrzeug sind, hängt von Tempo, Beladung, Fahrbahn, Profiltiefe und Assistenzsystemen ab. Deshalb ist die Klasse ein Vergleichswert zwischen Reifen, keine Garantie für einen bestimmten Anhalteweg. Für die Verkehrssicherheit ist die Nasshaftung auf dem Label oft das wichtigste Einzelmerkmal.
Externes Rollgeräusch
Das externe Rollgeräusch ist das Geräusch, das ein Reifen außen an der Umgebung erzeugt, nicht das Innengeräusch im Fahrzeug. Angegeben werden der Messwert in Dezibel (dB(A)) und eine Klasse A, B oder C.
Die Klasse richtet sich nach dem gesetzlichen Grenzwert (LV) der Typgenehmigung:
- A: Messwert mindestens 3 dB unter dem Grenzwert
- B: Messwert bis zum Grenzwert, aber nicht 3 dB darunter
- C: Messwert über dem Grenzwert der zum Klassifizierungsmaßstab herangezogenen Vorgabe
Dezibel ist eine logarithmische Skala. Eine Erhöhung um 3 Dezibel entspricht einer Verdoppelung der Schallintensität. Ein Reifen mit 69 dB ist daher nicht „zwei Einheiten leiser“ als einer mit 71 dB, sondern deutlich leiser. Das Label bewertet das Vorbeifahrtgeräusch nach einem festgelegten Verfahren, nicht die Lautstärke im Innenraum.
Schneegriffigkeit und Eisgriffigkeit
Erfüllt ein Reifen die Mindestwerte für Schneegriffigkeit nach der UNECE-Regelung Nr. 117, erscheint auf dem Label das Alpine-Symbol (Berg mit Schneeflocke). Es entspricht der geprüften Eignung für extreme Schneeverhältnisse. In Deutschland ist dieses Symbol zugleich die entscheidende Winterkennzeichnung auf der Reifenflanke.
Zusätzlich kann ein Piktogramm für Eisgriffigkeit stehen, erkennbar als Eiskristall bzw. Eiszapfen. Es betrifft Reifen, die festgelegte Mindestwerte auf Eis erreichen. Die Prüfung bezieht sich insbesondere auf PKW-Reifen (Klasse C1) und ist vor allem für nordische Eisreifen relevant. Ein Eis-Piktogramm bedeutet nicht automatisch die bessere Wahl für milde deutsche Winter mit viel Nässe. Solche Reifen können auf nasser oder wärmerer Fahrbahn schwächer sein als gewöhnliche Winterreifen.
Sommerreifen ohne Schnee- oder Eispiktogramm sind damit nicht „ungeeignet“, sondern für diese Zusatzkriterien nicht gekennzeichnet. Das Fehlen des Symbols ersetzt keine Prüfung der gesetzlichen Winteranforderungen, wenn winterliche Straßenverhältnisse herrschen.
QR-Code und EPREL
Oben auf dem Label befindet sich ein QR-Code. Er führt zum Eintrag des Reifens in EPREL, die European Product Registry for Energy Labelling. Das ist die europäische Produktdatenbank für energiebezogene Kennzeichnungen nach der Verordnung (EU) 2017/1369.
In EPREL finden sich das Label und das Produktdatenblatt mit weiteren Angaben, etwa zu Größe, Tragfähigkeit, Geschwindigkeitskategorie und den bewerteten Klassen. Der Code macht die Angaben unabhängig vom gedruckten Aufkleber prüfbar. Für den Vergleich mehrerer Reifen ist die Datenbank nützlich, weil dort dieselbe Systematik hinterlegt ist.
Was das Label nicht oder nicht vollständig bewertet
Das Reifenlabel prüft nicht das Gesamtpaket eines Reifens. Nicht oder nur unvollständig abgebildet sind unter anderem:
- Trockenbremsen und Handling auf trockener Fahrbahn
- Aquaplaning, also das Aufschwimmen auf einem Wasserfilm
- Laufleistung, Abrieb und Verschleißbild
- Fahrkomfort und Innengeräusch
- Verhalten bei hohen Geschwindigkeiten oder voller Beladung
- Eignung für ein konkretes Fahrzeug, Fahrwerk und Freigaben
- Haltbarkeit, Beschädigungsanfälligkeit und Reparaturfähigkeit
Laufleistung und Abrieb sind in der Verordnung als künftige Parameter vorgesehen, sobald geeignete Prüfmethoden vorliegen. Für runderneuerte Reifen gilt die Kennzeichnungspflicht erst, wenn ebenfalls eine geeignete Prüfmethode festgelegt ist.
Ein Reifen mit Klasse A bei Kraftstoffeffizienz kann bei Nasshaftung schwächer sein als ein Reifen mit Klasse B. Umgekehrt muss der nassbeste Reifen nicht der sparsamste sein. Für Wintereinsatz zählt zusätzlich das Alpine-Symbol, nicht die Sommer-Nasshaftungsklasse allein.
Für welche Reifen das Label gilt
Die Verordnung gilt für in Verkehr gebrachte Reifen der Klassen C1, C2 und C3. Das sind typischerweise PKW-Reifen, Reifen für leichte Nutzfahrzeuge und Reifen für schwere Nutzfahrzeuge.
Nicht erfasst sind unter anderem:
- Reifen für den harten Geländeeinsatz
- Reifen ausschließlich für Fahrzeuge mit Erstzulassung vor dem 1. Oktober 1990
- T-Notradreifen
- Reifen mit zulässiger Geschwindigkeit unter 80 km/h
- Reifen für Felgen mit Nenndurchmesser von höchstens 254 mm oder mindestens 635 mm
- Reifen mit Zusatzeinrichtungen zur Traktionsverbesserung, etwa Spikereifen
- ausschließlich für Rennfahrzeuge bestimmte Reifen
- gebrauchte Reifen, sofern sie nicht aus einem Drittland eingeführt werden
- runderneuerte Reifen, bis eine Prüfmethode nach Artikel 13 vorliegt
Häufige Fragen
Ist der Reifen mit den besten Labelklassen immer die richtige Wahl?
Nein. Das Label vergleicht ausgewählte Normwerte. Fahrzeugfreigabe, Wintereignung, Tragfähigkeit, Geschwindigkeitseignung, Fahrprofil und Testergebnisse zu Eigenschaften außerhalb des Labels müssen zusätzlich stimmen.
Zählt das Labelgeräusch für den Innenraum?
Nein. Bewertet wird das externe Rollgeräusch an der Umgebung. Wie laut ein Reifen im Fahrzeug klingt, hängt auch von Karosserie, Dämmung und Fahrbahn ab.
Reicht das Alpine-Symbol auf dem Label als Winterreifen-Nachweis?
Das Piktogramm zeigt die geprüfte Schneegriffigkeit nach UNECE-Regelung Nr. 117. Für die situative Winterreifenpflicht in Deutschland kommt es auf das Alpine-Symbol am Reifen selbst an. Label und Flankenkennzeichnung gehören zusammengeprüft.
Muss jeder Händler das Label zeigen?
Lieferanten und Händler müssen die Kennzeichnung beim Verkauf der erfassten Reifen bereitstellen, auch im Internet. Das gilt für Ersatzreifen und für Reifen, die an neuen Fahrzeugen angeboten werden.
Warum hat ein Winterreifen oft eine schwächere Kraftstoffklasse?
Wintermischungen und Profile sind auf niedrige Temperaturen, Schnee und Nässe ausgelegt. Das kann den Rollwiderstand erhöhen. Eine etwas schwächere Effizienzklasse ist dann ein Kompromiss, kein automatischer Qualitätsmangel.