Ganzjahresreifen sind für den Einsatz während des gesamten Jahres und damit auch für winterliche Bedingungen ausgelegt. Schnee, Schneematsch, Kälte und winterliche Nässe gehören zu den Anforderungen, die bei ihrer Entwicklung berücksichtigt werden.
Wie gut ein Ganzjahresreifen diese unterschiedlichen Bedingungen bewältigt, hängt jedoch vom jeweiligen Modell ab. Gute Traktion auf Schnee bedeutet beispielsweise nicht automatisch kurze Bremswege, hohe Kurvenstabilität oder ein ebenso gutes Verhalten auf nasser Fahrbahn.
Eine wichtige Orientierung bietet das Alpine-Symbol. Es bestätigt einen vorgeschriebenen Mindestnachweis auf Schnee und ist in Deutschland bei winterlichen Straßenverhältnissen rechtlich entscheidend. Über die gesamte Winterleistung eines Reifens sagt die Kennzeichnung jedoch nur begrenzt etwas aus.
Was Ganzjahresreifen im Winter leisten müssen
Winterliche Straßen stellen nicht nur eine einzelne Anforderung an einen Reifen. Auf Schnee müssen Antriebs-, Brems- und Seitenkräfte übertragen werden. Bei Schneematsch muss das Profil zusätzlich ein Gemisch aus Schnee und Wasser aus der Kontaktfläche ableiten, während auf kalter und nasser Fahrbahn die Haftung auf Asphalt gefragt ist.
Ganzjahresreifen müssen diese Wintereigenschaften mit den Anforderungen der wärmeren Jahreszeiten verbinden. Ihre Konstruktion ist deshalb auf einen breiten Einsatzbereich abgestimmt.
Für die Beurteilung der Wintereigenschaften reicht es nicht aus, nur eine einzelne Disziplin zu betrachten. Ein Reifen kann beispielsweise beim Anfahren auf Schnee viel Antriebskraft übertragen und trotzdem beim Bremsen oder in Kurven anders abschneiden.
Unabhängige Reifentests prüfen Ganzjahresreifen deshalb in mehreren Winterdisziplinen und ergänzen diese um Prüfungen auf nasser und trockener Fahrbahn.
Was das Alpine-Symbol bei Ganzjahresreifen bedeutet
Das Alpine-Symbol zeigt einen Berg mit drei Gipfeln und einer Schneeflocke. International wird es auch als 3PMSF bezeichnet, kurz für „Three-Peak Mountain Snowflake“.
Hinter der Kennzeichnung steht ein standardisierter Leistungsnachweis nach UN-Regelung Nr. 117. Dabei wird der zu prüfende Reifen mit einem festgelegten Standard-Referenzreifen verglichen.
Bei typischen Pkw-Reifen der Klasse C1 kann abhängig vom zugelassenen Prüfverfahren das Bremsen auf Schnee oder die Drehtraktion geprüft werden. Traktion beschreibt dabei die Fähigkeit eines Reifens, Antriebskraft auf die Fahrbahn zu übertragen.
Der Reifen muss den vorgeschriebenen Mindestwert beim Schneegriffigkeitsindex überschreiten. Das Alpine-Symbol beruht damit auf einer festgelegten Prüfung und nicht lediglich auf der Bezeichnung des Reifens als Ganzjahres- oder Winterreifen.
Auch auf dem EU-Reifenlabel kann das Schneepiktogramm erscheinen, wenn die entsprechenden Mindestwerte erfüllt werden.
Was sich aus dem Alpine-Symbol nicht ablesen lässt
Der Nachweis auf Schnee macht das Alpine-Symbol nicht zu einem umfassenden Winter-Qualitätssiegel. Es bewertet nicht automatisch die gesamte Leistung bei:
- Eis und Reifglätte,
- Schneematsch und Aquaplaning,
- nasser oder trockener Fahrbahn,
- unterschiedlichen Fahrsituationen auf Schnee,
- Verschleiß und Geräusch,
- abnehmender Profiltiefe oder fortschreitender Alterung.
Für die Eisgriffigkeit existiert bei bestimmten Reifen ein separates Piktogramm mit eigenen Anforderungen.
Das Alpine-Symbol sollte deshalb vor allem als das verstanden werden, was es tatsächlich nachweist: eine definierte Mindestleistung auf Schnee. Für einen umfassenden Vergleich verschiedener Ganzjahresreifen sind weitere Prüfergebnisse notwendig.
Ganzjahresreifen auf Schnee
Auf verschneiter Fahrbahn müssen Reifen unterschiedliche Kräfte übertragen. Neben der Traktion beim Beschleunigen sind die Bremsleistung und die Seitenführung wichtig. Letztere beschreibt die Fähigkeit des Reifens, seitliche Kräfte beim Lenken und in Kurven aufzunehmen.
Diese Eigenschaften hängen zwar miteinander zusammen, sind aber nicht identisch. Ein Reifen mit guter Traktion beim Anfahren muss deshalb nicht zwangsläufig ebenso gut bremsen oder eine besonders hohe Kurvenstabilität bieten.
Gerade bei häufigen Fahrten auf Schnee lohnt sich daher ein Blick auf die einzelnen Ergebnisse unabhängiger Reifentests statt ausschließlich auf die Kennzeichnung.
Ganzjahresreifen bei Schneematsch und winterlicher Nässe
Schneematsch stellt andere Anforderungen als eine geschlossene Schneedecke. Das Profil muss das Gemisch aus Wasser und Schnee aufnehmen und aus der Kontaktfläche ableiten.
Auf nasser Fahrbahn muss ebenfalls Wasser verdrängt werden. Gelingt dies nicht ausreichend, kann Aquaplaning entstehen. Dabei schwimmt der Reifen teilweise auf einer Wasserschicht auf, sodass weniger Lenk- und Bremskräfte übertragen werden können.
Zusätzlich spielt die Haftung der Laufflächenmischung auf kaltem und nassem Asphalt eine Rolle. Die Leistung auf Schnee lässt sich deshalb nicht unmittelbar auf Schneematsch oder winterliche Nässe übertragen.
Ganzjahresreifen auf Eis
Eis gehört zu den anspruchsvollsten Fahrbahnoberflächen. Die verfügbare Reibung ist für jeden Reifen gering und kann sich zusätzlich durch die Temperatur, die Beschaffenheit der Eisoberfläche und einen Wasserfilm verändern.
Eine für Schnee nachgewiesene Leistung erlaubt deshalb keine entsprechende Aussage über die Haftung auf Eis. Für bestimmte Reifen sieht die aktuelle UN-Regelung ein eigenes Eisgriffigkeitspiktogramm mit separaten Anforderungen vor.
Wie die Profiltiefe die Wintereigenschaften beeinflusst
Neben dem Reifenmodell beeinflusst auch der aktuelle Zustand des Reifens seine nutzbaren Eigenschaften.
Die Profiltiefe bezeichnet die Tiefe der Profilrillen. Nach § 36 Absatz 3 StVZO müssen Pkw-Reifen im maßgeblichen Hauptprofil mindestens 1,6 Millimeter Profiltiefe besitzen.
Dabei handelt es sich um die gesetzliche Untergrenze und nicht um einen Nachweis dafür, dass die Wintereigenschaften bis zu diesem Wert unverändert bleiben. Mit abnehmender Profiltiefe steht weniger Hohlraum zur Verfügung, um Schnee, Schneematsch und Wasser aufzunehmen.
Auch Beschädigungen, ungleichmäßiger Abrieb und ein falscher Luftdruck können die nutzbaren Eigenschaften beeinträchtigen. Vor Winterfahrten sollten deshalb Profiltiefe, sichtbare Schäden und Luftdruck kontrolliert werden.
Automobilclubs und Prüforganisationen empfehlen für Winter- und Ganzjahresreifen regelmäßig mindestens 4 Millimeter Profiltiefe als Winterreserve. Dabei handelt es sich nicht um eine gesetzliche Grenze, sondern um eine Sicherheitsempfehlung für Schnee, Schneematsch und viel Wasser.
Wann der Winter besonders hohe Anforderungen stellt
Wie stark ein Ganzjahresreifen im Winter gefordert wird, hängt wesentlich von den tatsächlichen Einsatzbedingungen ab.
Überwiegend geräumte Straßen bei mäßigem Winterwetter stellen andere Anforderungen als häufiger starker Schneefall oder regelmäßig ungeräumte Strecken. Besonders im Gebirge kommen Steigungen und Gefälle hinzu, die zusätzliche Reserven beim Anfahren, Bremsen und bei der Seitenführung verlangen.
Auch örtliche Schneekettenvorschriften können eine Rolle spielen. Eine entsprechende Reifenkennzeichnung befreit nicht von einer angeordneten Schneekettenpflicht.
Wer regelmäßig unter anspruchsvollen Winterbedingungen fährt, sollte deshalb besonders darauf achten, wie das konkrete Reifenmodell in unabhängigen Prüfungen unter vergleichbaren Bedingungen abschneidet.
Welche Vorschriften in Deutschland gelten
In Deutschland besteht keine allgemeine Winterreifenpflicht für einen festgelegten Zeitraum. Nach § 2 Absatz 3a Straßenverkehrs-Ordnung (StVO) gilt stattdessen eine situative Winterreifenpflicht.
Sie greift bei:
- Glatteis,
- Schneeglätte,
- Schneematsch,
- Eisglätte,
- Reifglätte.
Bei einem Pkw müssen unter diesen Bedingungen alle Räder mit Reifen ausgestattet sein, die § 36 Absatz 4 Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung (StVZO) entsprechen. Für Ganzjahresreifen ist dabei das Alpine-Symbol entscheidend.
Die früher verbreitete M+S-Kennzeichnung steht für „Matsch und Schnee“. Für bestimmte M+S-Reifen, die spätestens am 31. Dezember 2017 hergestellt wurden, galt eine Übergangsregelung. Diese endete am 30. September 2024.
Seit dem 1. Oktober 2024 reicht eine M+S-Kennzeichnung allein bei den genannten winterlichen Straßenverhältnissen nicht mehr aus.
Entscheidend ist dabei der tatsächliche Straßenzustand und nicht die Jahreszeit. Ein trockener, frostfreier Wintertag löst die situative Winterreifenpflicht nicht allein aufgrund des Datums aus. Umgekehrt können entsprechende Straßenverhältnisse auch außerhalb der klassischen Wintermonate auftreten.
Was bei Winterfahrten ins Ausland zu beachten ist
Die deutschen Vorschriften gelten nicht automatisch in anderen Ländern. Transit- und Zielländer können abweichende Anforderungen stellen, beispielsweise bei:
- vorgeschriebenen Zeiträumen,
- Mindestprofiltiefen,
- Reifenkennzeichnungen,
- Schneeketten.
Vor einer Auslandsfahrt sollten deshalb die aktuellen Bestimmungen aller Transit- und Zielländer bei offiziellen Stellen geprüft werden.
Fazit: Auf die tatsächliche Winterleistung kommt es an
Ganzjahresreifen sind konstruktiv auch für winterliche Bedingungen vorgesehen. Wie gut sie Schnee, Schneematsch, Nässe und Eis bewältigen, unterscheidet sich jedoch von Modell zu Modell und lässt sich nicht aus der Reifenkategorie allein ableiten.
Das Alpine-Symbol liefert einen wichtigen Mindestnachweis auf Schnee und ist für die situative Winterreifenpflicht in Deutschland maßgeblich. Für die Auswahl eines Ganzjahresreifens sollten darüber hinaus die Ergebnisse in den einzelnen Winterdisziplinen berücksichtigt werden.
Ebenso wichtig sind der Zustand und die Profiltiefe des Reifens sowie die Bedingungen, unter denen er tatsächlich eingesetzt wird. Besonders häufige Schneefahrten, ungeräumte Straßen und Gebirgsstrecken stellen höhere Anforderungen als überwiegend geräumte Straßen bei mäßigem Winterwetter.
Häufige Fragen zu Ganzjahresreifen im Winter
Kann man Ganzjahresreifen im Winter fahren?
Ja. Ganzjahresreifen sind für den ganzjährigen Einsatz einschließlich winterlicher Bedingungen konzipiert. Bei Glatteis, Schneeglätte, Schneematsch, Eisglätte oder Reifglätte müssen sie in Deutschland die gesetzlichen Anforderungen erfüllen und das Alpine-Symbol tragen.
Was bedeutet das Alpine-Symbol auf Ganzjahresreifen?
Das Alpine-Symbol bestätigt, dass der Reifen einen standardisierten Mindestnachweis auf Schnee nach UN-Regelung Nr. 117 erfüllt. Es erlaubt jedoch keine vollständige Bewertung seiner Eigenschaften unter allen Winterbedingungen.
Reicht das M+S-Zeichen bei Ganzjahresreifen aus?
Bei den von der situativen Winterreifenpflicht erfassten Straßenverhältnissen reicht M+S allein seit dem 1. Oktober 2024 nicht mehr aus. Maßgeblich ist das Alpine-Symbol.
Sind Ganzjahresreifen für starken Schnee geeignet?
Wie gut ein Ganzjahresreifen bei starkem Schnee funktioniert, hängt vom konkreten Modell ab. Traktion, Bremsleistung und Seitenführung können sich zwischen Reifen deutlich unterscheiden. Bei häufigen Fahrten unter solchen Bedingungen sind daher die Ergebnisse unabhängiger Tests besonders relevant.
Funktionieren Ganzjahresreifen auch auf Eis?
Auch Ganzjahresreifen können auf Eis nur begrenzte Haftung aufbauen. Das Alpine-Symbol weist keine bestimmte Eisgriffigkeit nach. Für bestimmte Reifen gibt es hierfür ein separates Piktogramm.
Wie viel Profil sollten Ganzjahresreifen im Winter haben?
Gesetzlich sind bei Pkw-Reifen mindestens 1,6 Millimeter im maßgeblichen Hauptprofil vorgeschrieben. Automobilclubs und Prüforganisationen empfehlen für Winter- und Ganzjahresreifen regelmäßig mindestens 4 Millimeter als Winterreserve. Diese Empfehlung ist keine gesetzliche Mindestgrenze.